“Safety ist nicht nur eine Frage der Normerfüllung – es geht um intelligentere und produktivere Automation”

Bevor wir tiefer in Safety+ einsteigen möchten wir Sie beide etwas besser kennenlernen. Was hat Sie in die Welt der industriellen Sicherheit geführt, und wie prägt Ihre Erfahrung Ihre heutige Tätigkeit?

Franz Kaufleitner: Ich bin seit mehr als zwei Jahrzehnten im Bereich der funktionalen Sicherheit tätig und habe aus erster Hand erlebt, wie entscheidend dieses Thema ist – sowohl für den Schutz von Menschen als auch für den produktiven Betrieb von Maschinen. Lange Zeit wurde Sicherheitstechnik vor allem als Einschränkung wahrgenommen. Ich sehe sie hingegen als Enabler. Mein Fokus liegt darauf, Sicherheitslösungen intuitiver, effizienter und besser an die Anforderungen moderner Automatisierung anzupassen. Unsere Anwender werden mit dem Thema Safety nicht allein gelassen. Safety+ ist so konzipiert, dass es sie mit integrierten Prüfmechanismen und Validierungsunterstützung durch den gesamten Workflow begleitet – damit Sicherheit auch bei zunehmender Maschinen- und Projektkomplexität beherrschbar bleibt.

Stefan Schönegger: Mein beruflicher Hintergrund liegt in der industriellen Automatisierung, insbesondere in Steuerungs- und Netzwerktechnologien. Über die Jahre habe ich beobachtet, dass Innovationen in der Standard-Maschinensteuerung deutlich schneller voranschreiten als in der Sicherheitstechnik. Genau hier setzt Safety+ an: Es schließt diese Lücke und macht Safety zu einem integralen Bestandteil moderner Automatisierung – statt zu einem nachgelagerten Thema. Sicherheit sollte Ingenieurinnen und Ingenieure befähigen, nicht ausbremsen.

Safety Engineering entwickelt sich seit Jahrzehnten weiter. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Wandel?

Franz Kaufleitner: Maschinen werden immer komplexer, Produktionszyklen kürzer, und der Druck auf Ingenieurinnen und Ingenieure steigt kontinuierlich. Gleichzeitig haben viele Safety‑Tools mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Getrennte Workflows, eingeschränkte Programmiermöglichkeiten und aufwendige Validierungsprozesse prägen noch immer den Alltag von Entwicklern. Wir haben darin eine klare Chance gesehen: Safety Engineering mit demselben modernen Ansatz neu zu denken wie die Standardautomatisierung – offen, flexibel und deutlich besser integriert.

Stefan Schönegger: Ein weiterer entscheidender Punkt ist die notwendige Anpassungsfähigkeit. Die industrielle Fertigung entwickelt sich hin zu kleineren Losgrößen, stärkerer Individualisierung und höherer Effizienz. Starre Sicherheitskonzepte passen nicht mehr zu dieser Realität. Mit Safety+ geben wir Entwicklerinnen und Entwicklern den Freiraum, intelligente Sicherheitsfunktionen umzusetzen, die die Maschinenperformance aktiv unterstützen, statt sie zu begrenzen. Wenn Safety zu einer natürlichen Erweiterung der Automatisierungssoftware wird, entstehen ganz neue Potenziale für Effizienz und Produktivität.

Safety+ von B&R können Maschinenhersteller die Entwicklung und Markteinführung ihrer Maschinen beschleunigen – und sich so einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern.

Warum lohnt sich der Umstieg auf Safety+ aus Sicht von Ingenieurinnen und Ingenieuren?

Franz Kaufleitner: Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass wir Safety Engineering grundlegend geöffnet haben. Safety+ hebt künstliche Einschränkungen auf, die Sicherheitsprogrammierung bislang langsam und unflexibel gemacht haben. Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten mit einer offenen Codebasis, können Drittanbieter‑Tools integrieren und Funktionen wie Headless‑Applikationen für die CLI‑Interaktion nutzen. Damit wird die Sicherheitsprogrammierung ebenso effizient und flexibel, wie die Standard‑Steuerungsprogrammierung – und Maschinenbauer müssen keinen Kompromiss mehr zwischen Sicherheit und Agilität eingehen. Ergänzend dazu schafft SafeDesigner+ eine unabhängige Sicherheitsebene, die unbeabsichtigte Codeänderungen erkennt und dabei hilft, versehentliche Modifikationen an bereits validierten Projekten zu vermeiden. Selbstverständlich ist SafeDesigner+ TÜV‑zertifiziert und erfüllt damit höchste Anforderungen an funktionale Sicherheit.

Stefan Schönegger: Ein weiterer zentraler Aspekt ist für uns die Steigerung der Maschinenproduktivität. Intelligente Sicherheitsreaktionen ermöglichen es Maschinen, gezielt und situationsabhängig auf Ereignisse zu reagieren und unnötige Stillstände zu vermeiden. Statt eine komplette Produktionslinie abzuschalten, erlaubt Safety+ beispielsweise eine kontrollierte Verzögerung, bei der Maschinen sicher weiterbetrieben werden können. So lassen sich Ausschuss und ungeplante Ausfallzeiten reduzieren. Für Hersteller, die ihre Produktivität optimieren wollen, ist das ein direkter und messbarer Mehrwert.

Was sind die zentralen Vorteile für OEMs und Endanwender?

Stefan Schönegger: Für OEMs stehen vor allem Geschwindigkeit und Effizienz im Fokus. Mit Safety+ lassen sich Sicherheitsfunktionen genauso schnell entwickeln wie andere Automatisierungsaufgaben. Die offene Architektur ermöglicht schnellere Iterationen, eine einfachere Zusammenarbeit im Engineering und deutlich schlankere Validierungsprozesse. Für Endanwender wiederum ist der Nutzen vor allem operativ: geringere Stillstandszeiten und reduzierte Wartungskosten. Automatisierte Safety‑Updates und integrierte Diagnosefunktionen sorgen für weniger Unterbrechungen im Betrieb und tragen dazu bei, die Total Cost of Ownership nachhaltig zu senken.

Franz Kaufleitner: Ein weiterer zentraler Vorteil ist der geringere Platzbedarf. Schnellere und präzisere Sicherheitsreaktionen erlauben den Betrieb von Maschinen mit kleineren Sicherheitsabständen, was kompaktere Produktionslinien ermöglicht. Das ist besonders relevant für Hersteller, die ihre verfügbare Produktionsfläche optimal ausnutzen möchten. Darüber hinaus sorgt die enge Integration von Motion‑Control‑Funktionen dafür, dass die Maschinenperformance nicht nur sicherer, sondern auch gleichmäßiger und besser vorhersehbar wird – ein entscheidender Faktor in Hochgeschwindigkeits‑ und Hochleistungsproduktionsumgebungen.

Safety+ bietet modernste Engineering‑Funktionen, die die Effizienz steigern und die Zusammenarbeit im Engineering vereinfachen.

Welche Rolle wird Safety+ Ihrer Meinung nach in fünf Jahren in der industriellen Automatisierung spielen?

Stefan Schönegger: Ich erwarte einen klaren Wandel: Safety Engineering wird nicht länger als eigenständige Disziplin betrachtet, sondern vollständig in die Automatisierungs‑Workflows integriert sein. Die Effizienzgewinne, die wir heute aus der Standard‑Steuerungstechnik kennen, werden sich ebenso im Bereich der Sicherheit realisieren lassen. Fortschrittliche Diagnosefunktionen, prädiktive Sicherheitsmechanismen und Echtzeit‑Analytik werden Risiken weiter reduzieren und gleichzeitig die Maschinenverfügbarkeit erhöhen.

Franz Kaufleitner: Safety ist nicht nur eine Frage der Normerfüllung – es geht um intelligentere und produktivere Automation. In fünf Jahren werden adaptive Sicherheitsfunktionen aus meiner Sicht genauso selbstverständlich sein wie adaptive Maschinensteuerungen. Das ermöglicht deutlich flexiblere und rekonfigurierbare Produktionsumgebungen, ohne die Sicherheit der Mitarbeitenden zu kompromittieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Franz Kaufleitner

Global Product Manager Safety, B&R



Stefan Schoenegger

CTO ABB Machine Automation division (B&R)



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